INTERSHOP Communications   
 
Frank Gessner - Vice President Engineering  
 
 

Ich bin in der Firma Intershop weltweit zuständig für Engineering, also den Kundenservice, die sogenannten Kundenprojekte, Professional Service und eben R&D, Research and Development.  

Ich wurde gebeten, hier auf dieser Veranstaltung, die ja hauptsächlich von Interessierten an freier Software und Linux besucht wird, darüber zu sprechen, was denn eine Firma wie Intershop, die ja nicht gerade dafür bekannt ist, die freie Software erfunden zu haben oder Linux-Vorreiter zu sein, davon hält. Ich werde Ihnen ein bißchen etwas über die Firma sagen, für die, die über Intershop noch nicht soviel wissen -- nur ein, zwei Slides. Ich möchte hier auch keine Produktwerbung machen. Ich werde dann zu Intershops Linux-Politik sprechen. Was macht Intershop mit Open Source? Und wie sieht sich Intershop in der Developer-Community?  

Wir wurden ebenfalls 1992 gegründet. Das scheint wohl bei allen Firmen hier so zu sein. Ich bin einer der Gründer von Intershop. Wir wurden dann relativ schnell Venture Capital-based. Wir sind ins Silicon Valley gezogen. San Francisco ist jetzt unser Headquarter. Da komme ich auch gerade heute früh her. Seit dem letzten Jahr sind wir public. Das war genau heute vor einem Jahr. Wir werden dieses Jahr vielleicht 50 Millionen Dollar Umsatz machen und wollen unsere Marktposition als E-Commerce Leader im Sell side-Bereich immer weiter ausbauen und halten. Es gibt mittlerweile 14 Büros rund um die Welt. Der Entwicklungsstandort ist Jena. Und unsere Kunden sind Telekommunikationsunternehmen, die ihren Kunden wiederum anbieten wollen, electronic Commerce zu machen, also einen Laden im Internet zu eröffnen und den dann für die Kunden zu hosten. Eine zweite Kundengruppe von uns sind die Enterprises. Das sind mittlere bis größere Unternehmen, die ein sogenanntes Self-hosting Businessmodell machen, d.h., sie machen selbst einen Store und stellen selbst die IT-Infrastruktur dafür bereit. Und dafür haben wir natürlich einen einstufigen, aber auch zweistufigen Vertriebskanal, d.h., unsere Kunden sind auch Systemintegratoren wie KPMG oder Price-Waterhouse oder auch kleinere Design-Agencies, die dann für ihre Kunden wiederum Läden im Internet eröffnen.  

Wir sind also ein Softwarehersteller. 20.000 Unternehmen nutzen unsere Software, um Produkte im Internet anzubieten. Das Produkt bietet also eine Storefront mit der gesamten Warenwirtschaft hintendran, Integration in die ERP-Systeme, Customer-Relation-Managementsysteme und was noch zu einem komplexen eCommerce System gehört. Wir bewegen uns im höheren Preisbereich. Die Kosten fangen minimal mit 5.000 Dollar an und gehen dann bis eine Million Dollar oder auch in höhere Bereiche.  

Wir sind also nicht jemand, der, im Gegensatz zu den Vorrednern, sieht, daß Lizenzpreise für Software in den nächsten Jahren drastisch reduzieren werden. Es gibt da einfach Interessenkonflikte, nicht alleine von uns -- das wäre ja noch zu verstehen. Es gibt noch mehr Aktoren, die daran verdienen und die das auch können. Wo ich sehr zu stimme, ist natürlich der Serviceanteil. Ich weiß nicht, ob Sie die letzte Gartner-Group-Studie über Software-Investments gelesen haben. In einer der letzten Studien von 1998 konnte man zeigen, daß ungefähr 80% aller Software-Investments in den Service fließen, wie Professional Services, Consulting und Tech-Support, und 20% in sogenanntes Anlagevermögen, also Hardware und Software -- ungefähr fifty-fifty. So werden gerade mal 10% der Investitionen in Internetprojekte werden für Software-Lizenzen ausgegeben.  

Wir haben ein hervorragendes Engineering Team, wie gesagt, hauptsächlich in Jena. Mit was für Technologien arbeiten wir? Hauptsächlich Java, C, C++, Perl, Sybase, Oracle. Offene Standards sind für uns sehr wichtig. Ich bin kein Jünger von Open Source, aber ein Jünger von offenen Standards.  

Plattform Support ist hauptsächlich NT und Solaris. Es sehe kurzfristig bei unseren Kunden keine starken Interessen davon wegzugehen. Wir haben uns ebenfalls dem Linux-Hype angeschlossen, aber die Realität sieht zur Zeit noch anders aus. Wir erwarten nicht, daß sich in den nächsten 12 Monaten Linux gegenüber NT und Solaris in unserem Segment entscheidend durchsetzt. Das wird wahrscheinlich nicht an Linux selbst liegen oder daran, ob die IT-Verantwortlichen das nun mögen lernen oder auch nicht, sondern hauptsächlich daran, inwieweit Linux sich für IT-Labs zunehmend eignet.  

Unsere Produktpalette läuft seit dem erstem Quartal diesen Jahres ebenfalls unter Linux. Die Umsatzzahlen, die wir bis jetzt unter Linux verkauft haben, würde ich mal nicht als repräsentativ sehen. Das würde ich mir Ende des Jahres noch mal anschauen. Der Port selbst war aber sehr, sehr schwer. Das lag daran, daß so eine Oracle-Datenbank oder andere Systeme unter Linux eben auch erst seit kurzem verfügbar sind. So etwas dauert eben wohl ein paar Jahre, bis es vergleichbar einfach läuft, wie unter den etablierten Betriebssystemen. In ein paar Jahren werden wir hier mehr wissen.  

Warum Open Source? Wir haben gelernt -- und da schließe ich mich gern den Vorrednern an --, daß man Leuten, die sich selbst helfen können, sich selbst helfen lassen muß. Was aber natürlich, wenn ein Produkt eine gewisse Komplexität überschritten hat, nicht mehr so leicht ist. Noch dazu, wenn die Leute betonen, sie wollen ein Produkt und keine Plattform kaufen. Es gibt ja einen ziemlich großen Unterschied zwischen einem Produkt und einer Custom Solution. Wenn Sie ein Produkt kaufen, möchten Sie, gerade, wenn es um diese Preisgrößenordnung geht, dort einfach mit einkaufen, daß Sie von einer Weiterentwicklung dieses Produktes profitieren. D.h., Sie wissen auch, wenn Sie am Produkt etwas ändern, dann haben Sie ein Custom-Built. Wir haben uns ziemlich lange unterhalten über Open Source und haben uns erstmal entschieden, das Produkt ohne Open Source auszuliefern. Das ist also klassische -- ich hatte vorhin den Ausdruck gehört -- Closed Software. Der Grund dafür ist nicht der Schutz von 'Intellectual Property'. Sie können auch SAP im Source Code bekommen, aber wer möchte es haben, bzw. wer kann damit wirklich etwas anfangen? Die meisten Intershop-Produkte sind ebenfalls alle über eine Millionen Lines of Code, viele Tausend Java-Klassen. Das ist nicht so trivial.   

Wie helfen wir nun unseren Kunden? API's, Beispiel: Implementierung. Wie ändert man das Produkt usw. und die dazugehörigen Dokumentationen wie java.doc, db.doc usw.? Das ist alles in Sourcen verfügbar, so daß sich das System modifizieren oder in existierende Landschaften integrieren läßt. Und natürlich gibt es einige trainierte Systemintegratoren, die das Produkt so sehr -- wie ein Softwareentwickler sagen würde -- 'vergewaltigen' müssen, daß sie einfach Source Code dafür brauchen. Die wissen aber dann, was sie da machen. Die wissen auch, wenn sie das machen, daß sie oft alleine damit zurechtkommen müssen. Das ist ja bei Open Source der Vor- und Nachteil in einem.  

Die Developer Community? Das war die dritte Frage, die ich gestellt bekommen habe. Als Europas größte Internetfirma haben wir natürlich einen ziemlich großen Vorteil davon, uns viele Informationen und Ideen aus dem Netz holen zu können oder an Projekten im Netz mitzuarbeiten. Und wenn Sie die Java- und andere Newsgroups verfolgen, kommt da auch viel von uns wieder zurück. Wir glauben sehr an die Kraft von Developer Communities. Wir haben das bei einer Firma gesehen, die das Produkt ColdFusion anbietet, die Firma Allaire. Das ist ein Softwaresystem, mit dem Sie relativ leicht ihre Website managen können, also ein Content Management System. Allaire hat es geschafft, eine Developer Community zu bilden. Mit ColdFusion kann man über CFLM sogenannte CFX Components einbinden; das sind kleine Funktionsbausteine, davon gibt es mittlerweile Zehntausende in unterschiedlichsten Communities. Und ich habe mich gefragt: 'Wie macht man das?' Die Antwort ist ganz einfach. Man muß die Leute commerce enablen, man muß den Leuten Wege aufzeigen -- neben den technischen Problemen --, daß, wenn sie um eine Technologie herum investieren sollen, dort ein Return of Investment zu sehen ist und daß sie davon einen Benefit haben. 

(Transkription Katja Pratschke)